
«Die Atomkraft ist eine Schändung der Schöpfungswerke Gottes» (Nationaler Japanischer Kirchenrat). U.a. mit den Synodalen: Robert Schlegel, Präsident GOS-Fraktion (1.v.r.); Kurt Zaugg-Ott, Leiter Arbeitsstelle „oeku Kirche und Umwelt“ (2.v.r.); Barbara Tanner Schmutz (1.v.l.); Walter Gygax (2.v.l.); Foto © Jonathan Liechti
Es ist frisch an diesem Sonntag, dem 11. März und die Sonne ist überall. Weniger am Himmel als vielmehr auf den zahlreichen gelben Fahnen mit dem „Atomkraft nein danke“-Slogan. In der ganzen Stadt Bern sind Leute auf Fahrrädern unterwegs, haben ihre Kinderanhänger montiert und begeben sich zum Treffpunkt des „MenschenStrom gegen Atom“, der Demonstration für eine atomfreie Zukunft. Die einen kommen zu Fuss oder mit Shuttlebussen zum AKW Mühleberg, die anderen – rund 1000 Personen – in einer Velokarawane. Die Stimmung ist friedlich, der Anlass weniger: Vor genau einem Jahr kam es im Japanischen Fukushima infolge des verheerenden Erdbebens zur Nuklearkatastrophe.

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Das Unglück gab auch in kirchlichen Kreisen zu reden. In Bern forderte die ökumenische Arbeitsgruppe „ChristInnen für die Energiewende“ in einem Pfingstmanifest, „mit Wort und Tat Stellung zu beziehen.“ Die Gruppe appellierte an alle Mitmenschen, ihren Energieverbrauch anzupassen, rief Kirchgemeinden dazu auf, „ökologisch zu handeln und die eigenen Aktivitäten einer kontinuierlichen Umweltprüfung zu unterziehen“ und verlangte von den Kirchenleitungen, „öffentlich für die 2000 Watt-Gesellschaft einzustehen und sich für einen schnellen Ausstieg aus der Atomenergie einzusetzen.“ In einem halben Jahr unterzeichneten rund 1400 Personen aus dem kirchlichen Umfeld das Manifest. Im vergangenen November wurde es an Vertreter des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes und der Schweizer Bischofskonferenz übergeben.

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Die Velokarawane schlängelt sich mit einer kräftigen Bise im Rücken am rechten Ufer des Wohlensees entlang in Richtung Mühleberg. Rückenwind verspürten an diesem Sonntag viele AtomkraftgegnerInnen: Nur vier Tage zuvor gab das Bundesverwaltungsgericht einer Klage von AnwohnerInnen des AKW Mühlebergs statt und forderte von der Betreiberin BKW eklatante Sicherheitsmängel zu beheben, ansonsten müsse das Werk bis Juni 2013 abgeschaltet werden. Ein Urteil, das die Bewegung beflügelt, das ist auch an der Demo spürbar. Nach rund 15 Kilometern haben die VelofahrerInnen die Wohlensee-Staumauer passiert und der Abluftkamin des AKWs erscheint hinter der nächsten Biegung. Es wird klar, wie nahe das Werk am Ballungsraum Bern mit seinen über 350’000 Einwohnern liegt. Laut der vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz verschickten Zoneneinteilung liegt die Stadt Bern in der zweiten Gefahrenzone. Welch verheerende Folgen ein Unfall in Mühleberg hätte, versuchte Greenpeace kürzlich mit einer Postkartenaktion (siehe Bild) zu simulieren.

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Eine zentrale Forderung der Demo ist die sofortige Abschaltung des AKW Mühlebergs, das im kommenden November den 40. Jahrestag seiner Inbetriebnahme feiert. Eine Forderung, die das Parlament der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn, die Synode, in einer Resolution Anfang Dezember mit deutlicher Zweidrittelmehrheit beschloss. „Das ist seit den 70er-Jahren, als sich die reformierte Genfer Synode gegen den Schnellen Brüter in Creys-Malville aussprach, die erste dezidierte Stellungnahme einer Schweizer Kirchensynode zur Nuklearproblematik“, freut sich Kurt Zaugg-Ott, Synodaler und Leiter der ökumenischen Arbeitsstelle „oeku Kirche und Umwelt“. Die Exekutive, der Synodalrat, hat sich bisher aber nicht in die Atomdebatte eingemischt. Pfarrer Stefan Ramseier, Vorsteher des zuständigen Departements, stellt heute fest: „Die Haltung des Synodalrates war vor und nach der Resolution die gleiche. Wir wollen uns nicht für die Abschaltung eines bestimmten AKWs einsetzen, sondern grundsätzlich für eine ökologisch verträgliche Produktion des Energiebedarfs.“ Der Synodalrat hatte zuvor immer wieder Interpellationen, die eine klare Positionierung forderten, abgelehnt. Nach Fukushima liess Synodalratspräsident Andreas Zeller etwa verlauten: „Ein energiepolitischer Positionsbezug des Synodalrates zum KKW Mühleberg wäre vor der Faktenanalyse der dafür verantwortlichen Stellen kaum tragfähig.“ Auch nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes, welches durchaus als eine solche „Faktenanalyse“ betrachtet werden könnte, will sich der Synodalrat nicht zu Mühleberg äussern. Stefan Ramseier begründet das ausgerechnet mit dem prophetischen Auftrag der Kirche: „Die Kirche hat nicht den Auftrag, hintendrein zu sagen, was schon alle andern längst gesagt haben.“

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In Mühleberg haben sich mittlerweile rund 8000 DemonstrantInnen vor dem AKW eingefunden, darunter auch mehrere Synodale. Barbara Tanner Schmutz, Mitglied der „Gruppe offene Synode“ (GOS), betont, wie wichtig es sei, dass sich die Kirche in die Atomdebatte einmische: „Die Kirche muss zu gesellschaftlichen Problemen aktiv Stellung beziehen.“ Gerade im Hinblick auf kommende Generationen sei es wichtig, sich für eine atomfreie Zukunft einzusetzen: „Diese Risiken sind nicht vertretbar.“ Robert Schlegel, Präsident der GOS-Fraktion, erwartet nun vom Synodalrat eine Positionierung in der Nuklearproblematik: „Der Synodalrat muss die Ängste und Bedenken von zahlreichen Kirchenmitgliedern ernst nehmen.“ Eine Möglichkeit, Stellung zu beziehen, wäre zum Beispiel die Unterstützung des MenschenStroms gewesen. In der Trägerschaft, die über 180 Organisationen umfasst, finden sich mit dem Verein Oeku, der Kommission für Ökumene, Mission und Entwicklungszusammenarbeit der Gesamtkirchgemeinde Bern und dem Schweizerischen Katholischen Frauenbund lediglich drei Gruppierungen aus dem engeren kirchlichen Umfeld.
Klar positioniert hatte sich dagegen Bernhard Waldmüller, Leiter des römisch-katholischen Dekanats der Region Bern. Im vergangenen Sommer unterzeichnete er das Pfingstmanifest der Gruppe „ChristInnen für die Energiewende“: „Unser Glaube fordert einen Lebensstil, der allen Menschen ein Leben in Würde erlaubt und künftige Generationen nicht mit Risiken belastet“, begründet Waldmüller seine Unterschrift. Konkret wird es in der katholischen Gesamtkirchgemeinde Bern: Entsprechend dem aktuellen Legislaturziel, „die katholische Kirche Region Bern handelt ökologisch“, muss ab sofort jeder Um- oder Neubau eines kirchlichen Gebäudes nach strengen Energiekriterien erfolgen. Zudem wurde eine Energieeffizienzstudie für 44 kirchliche Gebäude in Auftrag gegeben.

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Vor dem AKW machen sich viele Demonstrierende wieder auf den Rückweg. Diesmal bläst ihnen ein rauer Wind entgegen. Trotz der guten Stimmung ist den Meisten klar: Dieser Gegenwind wird auch in Zukunft anhalten, trotz dem erklärten Atomausstieg, trotz Bundesverwaltungsgericht. Der Synodale Robert Schlegel mahnt: „Ganz wichtig ist, dass wir unser eigenes Verhalten in die Handlungspflicht nehmen, und uns dafür einsetzen, Energie einzusparen und nicht zu verschwenden. Das ist eine der Voraussetzungen für eine atomfreie Zukunft.“ Und Barbara Tanner ergänzt: „Der Synodalrat muss uns Handlungsstrategien aufzeigen, wie sich die Kirche dazu verpflichten lässt, auf alternative Energien umzuschalten und ganz konkret auf die Energiewende hinzuarbeiten.“ Einen ersten Schritt haben die reformierte und die katholische Gesamtkirchgemeinde der Stadt Bern bereits unternommen: Beide verzichten ab 2012 zugunsten von Ökostrom auf Atomstrom.
Diese Reportage ist erschienen in der Zeitschrift Aufbruch Nr. 189, April 2012.



