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Heute hör‘ ich, wir soll‘n das in die Geschichte einreihen,
Und es muß doch auch mal Schluß sein, endlich, nach all den Jahr‘n.
Ich rede und ich singe und wenn es sein muß, werd‘ ich schreien,
Damit unsre Kinder erfahren, wer sie war’n
In diesem Lied singt der deutsche Liedermacher Reinhard Mey über die Kinder von Izieu. Die Gruppe von 44 Kindern wurde im April 1944 mit ihren Betreuern von ihrem Haus über dem Rhônetal nahe bei Lyon direkt in das Vernichtungslager Ausschwitz deportiert. Reinhard Mey singt wider das Vergessen, wider das Verdrängen, wieder das simple „in die Geschichte einreihen“.
Auch für Margot Wicki-Schwarzschild ist es wichtig, sich zu erinnern und nicht zu vergessen. Als Achtjährige musste sie miterleben, wie an der „Reichskristallnacht“ die Nachbarwohnung zerstört wurde. Durch eine couragierte Nachbarin blieb das Türschild mit dem jüdischen Namen ihrer eigenen Familie ungesehen. Die Tochter einer Katholikin und eines Juden überlebte unter anderem dank der Frau des Schweizers August Bohny zwei Internierungslager in Südfrankreich. Heute verbindet Margot Wicki-Schwarzschild und August Bohny eine tiefe Freundschaft.
«Besonders beeindruckt hat mich, dass ihr soziales Engagement für Benachteiligte aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen heute sehr wichtig ist» Martina Schwarz
Anlässlich der Nacht der Religionen vom 8. November 2008, dem Vorabend des 70. Jahrestages der „Reichskristallnacht“, waren August Bohny und Margot Wicki-Schwarzschild in unserem Kirchgemeindehaus zu Gast. In einem Gespräch, das von Christine Hubacher von Radio DRS moderiert wurde, erzählten die beiden aus ihren Erlebnissen und Erinnerungen. Sie erzählte von der Pogromnacht, den katastrophalen Lebensbedingungen in den Lagern, von ihrer nie verlorenen Hoffnung und von ihren Gefühlen bei der Rückkehr nach Deutschland. Er erzählte von seiner Arbeit in den von ihm gegründeten Kinderheimen in Südfrankreich, von der Rettung jüdischer Kinder und von der Schweizerischen Aussenpolitik und Armee.
«Wut und Rache sind den beiden fremd. Dafür spürten wir ihre Dankbarkeit für die Rettung und das neu geschenkte Leben» Max Reber
Der Grosse Saal war bis auf die letzten Plätze besetzt. Das zeigt ein grosse Interesse und eine Bereitschaft, nicht zu vergessen. „Unmittelbar mit der damaligen Zeit durch die Betroffenen verbunden zu sein, hat mich sehr beeindruckt“, berichtet ein Zuhörer. Auch eine andere Besucherin erlebte die persönliche Begegnung sehr intensiv: „Frau Wicki-Schwarzschild liess das Erzählte in meinem Kopf in Bilder verwandeln.“ Nicht mehr lange werden wir aber die Gelegenheit haben, Leuten aus jener Zeit direkt zu begegnen. Umso wichtiger sind solche lebhaften Gelegenheiten. Dabei geht es auch nicht darum, möglichst zu Tränen gerührt zu werden und betroffen zu sein. Vielmehr ist entscheidend, was wir aus diesen Gesprächen und erfahrenen Erlebnissen persönlich herausziehen. Das kann Hoffnung sein oder das kann Engagement gegen Rassismus und sozial Benachteiligte sein. Das kann aber auch Dankbarkeit oder ganz einfach Erinnern sein.
Damit wir nie vergessen, sind auch Leute aus jüngeren Generationen wie Reinhard Mey wichtig. Als Schlusspunkt ein Entwurf einer weiteren Strophe von „den Kindern von Izieu“, geschrieben von einem Siebtklässler:
Das Schicksal der Juden könnte auch andere treffen:
Albaner, Schwule, Lesben, Türken, …
Wir müssen sie davor schützen.
Das hat niemand verdient.
Wir müssen schauen, dass das nie mehr passiert.
Dieser Artikel erschien in der Zeitung «reformiert» auf der Gemeindeseite Bern-Johannes, Januar 2009.
Reinhard Mey – Die Kinder von Izieu
Sie war‘n voller Neugier, sie war‘n voller Leben,
Die Kinder, und sie waren vierundvierzig an der Zahl.
Sie war‘n genau wie ihr, sie war‘n wie alle Kinder eben
Im Haus in Izieu hoch überm Rhonetal.
Auf der Flucht vor den Deutschen zusammengetrieben,
Und hinter jedem Namen steht bitteres Leid,
Alle sind ganz allein auf der Welt geblieben,
Aneinandergelehnt in dieser Mörderzeit.
Im Jahr vierundvierzig, der Zeit der fleiߑgen Schergen,
Der Spitzel und Häscher zur Menschenjagd bestellt.
Hier wird sie keiner suchen, hier oben in den Bergen,
Die Kinder von Izieu, hier am Ende der Welt.Joseph, der kann malen: Landschaften mit Pferden,
Théodore, der den Hühnern und Küh‘n das Futter bringt,
Liliane, die so schön schreibt, sie soll einmal Dichterin werden,
Der kleine Raoul, der den lieben langen Tag über singt.
Und Elie, Sami, Max und Sarah, wie sie alle heißen:
Jedes hat sein Talent, seine Gabe, seinen Part.
Jedes ist ein Geschenk, und keines wird man denen entreißen,
Die sie hüten und lieben, ein jedes auf seine Art.
Doch es schwebt über jedem Spiel längst eine böse Ahnung,
Die Angst vor Entdeckung über jedem neuen Tag,
Und hinter jedem Lachen klingt schon die dunkle Mahnung,
Daß jedes Auto, das kommt, das Verhängnis bringen mag.Am Morgen des Gründonnerstag sind sie gekommen,
Soldaten in langen Mänteln und Männer in Zivil.
Ein Sonnentag, sie haben alle, alle mitgenommen,
Auf Lastwagen gestoßen und sie nannten kein Ziel.
Manche fingen in ihrer Verzweiflung an zu singen,
Manche haben gebetet, wieder andre blieben stumm.
Manche haben geweint und alle, alle gingen
Den gleichen Weg in ihr Martyrium.
Die Chronik zeigt genau die Listen der Namen,
Die Nummer des Waggons und an welchem Zug er hing.
Die Nummer des Transports mit dem sie ins Lager kamen,
Die Chronik zeigt, daß keines den Mördern entging.Heute hör‘ ich, wir soll‘n das in die Geschichte einreihen,
Und es muß doch auch mal Schluß sein, endlich, nach all den Jahr‘n.
Ich rede und ich singe und wenn es sein muß, werd‘ ich schreien,
Damit unsre Kinder erfahren, wer sie war‘n:
Der Älteste war siebzehn, der Jüngste grad vier Jahre,
Von der Rampe in Birkenau in die Gaskammern geführt.
Ich werd‘ sie mein Leben lang sehn und bewahre
Ihre Namen in meiner Seele eingraviert.
Sie war‘n voller Neugier, sie war‘n voller Leben,
Die Kinder, und sie waren vierundvierzig an der Zahl.
Sie war‘n genau wie ihr, sie war‘n wie alle Kinder eben
Im Haus in Izieu hoch überm Rhonetal.
Reinhard Mey – Die Kinder von Izieu auf dem Album Immer wieder, Intercord 1994.


